Zur Rolle des Kostüms nach der Rolle

teaching
2014


22 - 30 April 2014
University of the Arts Berlin
costume design department


Szenisches Projekt
ZUR ROLLE DES KOSTÜMS NACH DER ROLLE

Was trägt der Performer ohne Rolle oder wie zeigt sich die undarstellbare Gemeinschaft auf der Bühne?

Künstlerische Leitung:
Fanti Baum & Charlotte Pistorius

Die Ausgangsidee unseres szenisches Projektes Zur Rolle des Kostüms nach der Rolle ist ein gemeinsames künstlerisches Forschen: Wie lässt sich das, was auf einer Bühne getragen wird, nennen und imaginieren - wenn eine der wichtigsten Konstanten des bürgerlichen Theaters - die Rolle - im zeitgenössischen Performance-Theater offenbar verschwunden ist? Was tun, wenn der Kostümbildner_in die Rolle abhanden gekommen ist und damit auch seine/ihre eigene Rolle zur Disposition zu stehen scheint, genauso wie der Begriff des Kostüms überhaupt?

Das szenische Projekt erforscht, wie sich über *Kleidung auf der Bühne* sprechen, wie sich *Kostüm* denken lässt, wenn dieses *nach der Rolle* eben nicht länger einer Figurenbeschreibung folgt, wenn es keinerlei Verständigung darüber geben wird, wie eine Figur beschaffen ist und stattdessen dieses *nach* als radikale zeitliche Zäsur erscheint, *nach* der das erlernte Vorgehen eine/r Kostümbildner_in nicht mehr zu greifen scheint, weil die Regeln des bürgerlichen Theaters ausgesetzt sind. Mit welchem Vokabular lässt sich beschreiben, wie dieses *nach der Rolle* als *Kleidung* auf der Bühne aussieht? Welche Regeln, welche Werkzeuge, welche Abenteuer ließen sich anwenden - zum Sprechen, Denken, Entwerfen über das zu Tragende auf der Bühne? Und von was müsste man sich nach der Rolle noch verabschieden? Oder gibt es gar ein neues Terrain zu erobern, auf dem das zu Tragende vor dem Träger kommt?

Um sich diesen künstlerischen Fragen anzunähern - denn beantworten lassen sie sich bestimmt nicht - werden wir gemeinsam in Videolektüren (ggf. in Theaterbesuchen) zeitgenössische Performances (Forced Entertainment, Ivana Müller, Claudia Bosse, Nature Theatre of Oklahoma, Gob Squad) in dichten Beschreibungen analysieren und versuchen die Spielräume der Kostümbildner_in in den jeweiligen Aufführungen auszuloten. Um die Lesart für diese Problematik zu konkretisieren und das Verständnis jener Theaterkonzepte zu schärfen, werden wir gemeinsam Texte von Nikolaus Müller-Schöll "Plus d'un rôle" und Heiner Goebbels "Eine riesige Holzpistole" lesen und diskutieren.

Nach der Rolle ist aber zugleich etwas, was es im Theater immer schon als jenseits der Rolle gegeben hat und zwar als Frage nach der (un-)darstellbaren Gemeinschaft. Dies Frage lässt sich im Theater nicht ohne Blick auf den Chor denken: "Nur der Chor ist wahr, das Individuum lügt", sagte Einar Schleef in Bezug auf seine Theaterarbeiten. Was gibt uns dieser Hinweis für das *BühnenKostüm* zu denken? Wir blicken also auf die Dimensionen des Chorischen, wenn das Band zwischen Schauspieler und Rolle gerissen ist. Und schließlich weisen Auszüge aus dem Text des Philosophen Jean-Luc Nancy den Weg zurück und mitten hinein in gegenwärtige Aufführungspraxen, in denen die Gemeinschaft als Vielheit (Multitude) eine entscheidende Rolle spielt. Wie zeigt sich das Undarstellbare der Gemeinschaft auf der Bühne und wie lässt sich eine Menge kleiden im Spannungsfeld von Individuum und Kollektiv - Alltag und Fiktion?

Unser Vorhaben versteht sich als szenisches Forschungsprojekt, in dem in verschiedenen Schritten die Dimensionen *nach der Rolle* unmittelbar szenisch erprobt und künstlerisch umgesetzt werden können. In diesem Sinne ermöglicht das Projekt den teilnehmenden Studierenden eine praktische Erfahrung, die die Arbeitsweise der Studenten bereichern kann und sich als methodisches Wissen in die weitere Arbeit mitnehmen lässt.